SAMUEL SCHAAB

Landschaften, die in steter Bewegung bleiben; Objekte, die wie Subjekte zu sprechen scheinen; eine Bedeutung, die sich andeutet, um sich wieder zu entziehen; ein Außen, das sich ins Innen kehrt; Spuren und Verweise, keine Antworten; Samuel Schaabs Arbeiten evozieren ein unaufhörliches Changieren im Betrachten, zwischen den im Raum exponierten jedoch längst zuvor konstruierten und nun abstrahierten Gegensätzen. Anstatt dadurch jedoch Differenz erneut zu etablieren, schleicht er sich in den dünnen Raum zwischen ihren Kategorien und macht ihre Qualitäten und Wirkungsweisen im Spannungsfeld der Dualität erfahrbar. Auch wenn konzeptuell Differenz das Ausgangsmaterial ist, wird genau diese dekonstruiert und über vexierbildartige Inszenierungen in Schwingung versetzt, wodurch sich die sonst scharfen Konturen scheinbarer Gegensätze verwischen. Stereotype Zuordnungen erfahren über Strategien der Flucht, Suche, Simulation und Kapitulation, Techniken von Reduktion und Leerversuchen, sowie Effekten von Überbelichtung, Rauschen und Verdopplung neue Werte.

Der Raum, seine Gegenstände und die darin stattfindenden Beziehungen können sich, losgelöst von ihren zugeschriebenen Attributen, neu entfalten, eingekapselte Energien befreien sich. Es kommt zu Umordnungen und Neuformationen, ein potentieller Raum von Transfer und Transformation entsteht, ein Raum der Möglichkeiten und ein Raum vor dem (bereits bekannten und erwarteten) Raum. Die vor Ort freigelegte und von Semantik unabhängig gewordenen Kommunikation der anwesenden Elemente verschieben Wahrnehmung und Zuordnung in einem permanenten Lese- und Schreibeprozess der eigenen Grammatik.

Eine Vorgangsweise als Strategie, die Jacques Derrida mit seinem Neologismus Différance (Diffärenz) im Gegensatz zu Différence (Differenz) bezeichnet hat und die darauf abzielt jegliche Differenz d.h. Gegensätze wie gut/böse, hell/dunkel, oben/unten, Mann/Frau, etc. als konstruiert – und damit natürlich auch ideologisch d.h. als nicht absichtslos – und nicht wahr oder real zu entlarven, sondern maximal in ihrer Oppositionsstruktur, d.h. in ihrer temporären und relativen Beziehung zueinander und damit als Spannungsfeld und offenen Prozess erfahrbar zu machen, um sie so zu dekonstruieren. Auch in Samuel Schaabs Arbeitslandschaften werden zunächst vermeintliche Gegensätze methodisch ineinander integriert und dadurch aufgelöst. Über diese Zerlegung in ihre Bestandteile können neue Formeln und Zusammensetzungen sichtbar werden und – über Materialien und Prozesse wie Reduktion und Minimierung – die eigentlich gemeinten und adressierten Qualitäten hervortreten.

Arbeiten wie vorsichtige und misstrauische Kommunikationsversuche und als Behauptung dessen, was sich als white noise in die Lücke zwischen die konstruierte Differenz schleicht. An einen Ort an dem es sich als Kippbild ständig aktualisiert, unausgesprochen im Moment der Veränderung agiert und sich doch als vielschichtiges Rauschen artikuliert.

“Wer/was bin ich (nicht)?” scheinen viele von Samuel Schaabs (animierten) Objekt-Subjekten zu fragen, wobei das Oszillieren mit der Frage und die Absenz der Antwort das Betrachten bestimmt. Das was versucht, sich im Raum zu manifestieren spricht vielleicht gerade und kann sich dabei nicht reflektieren. Artikuliert es sich oder empfängt es, oder beides, simultan und was noch? Was legt sich über die Kommunikationen und ihre Versuche und was verbirgt sich in ihnen, wenn sich das weiße Rauschen als Ablenkungsmanöver zu erkennen gibt. Eine Enttarnung innerhalb von Räumen besetzt von einer Poetik des Unsagbaren aus installativen und skulpturalen Fragezeichen, die als verschlüsselte Kommunikationsversuche auf Verständigung warten und zu denen gerade Komplexes unentschlüsselt Zutritt hat.

Eine Aussage, die keine Ende hat und wie Derrida auf die grundsätzliche Unabschließbarkeit von Textsinn verweist, da solange gesprochen wird, sich stets auch der Sinn des Gesprochenen verändert. Eine Theorie als Haltung, die ein tiefes Unbehagen in das Festgeschriebene ausdrückt und vorzieht konstruierte Bedeutung unaufhörlich zu entziehen. Auf diese Weise erschließen sich auch Samuel Schaabs Arbeiten vor allem über ein zwischen Willkür und Zufall angesiedeltes in Beziehung setzen zwischen und mit den verschiedenen Komponenten und Schichten der angebotenen Räume und ein Sich-Einlassen auf die Verstrickung in ein Spiel unüberwindbarer Gegensätze. Das Angebot und die Möglichkeit sich von unsichtbar prägenden Diskursen zu befreien und das Eindeutige mit der Vielzahl zu vertauschen. Die Option auf das Umgehen von Differenz durch die Auflösung in ein weißes Rauschen in welchem potentiell alle Qualitäten mitschwingen, jenseits von Ordnung und Wertung, gleichzeitig immer mit dem Moment des Nichts, der maximalen Minimalisierung, der Auflösung in die Auflösung verknüpft.

Gabrielle Cram

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1981 geboren in Starnberg (D)
lebt und arbeitet in Wien

2002 – 2003 Studium d. Kunstgeschichte an der Ludwig Maximilians Universität München
2003 – 2006 Studium der Mediengestaltung an der Universität f. angew. Kunst Wien bei Bernhard Leitner
2006 – 2009 Studium der Multimedia und Plastik an der Universität f. angew. Kunst Wien bei Erwin Wurm (Diplom)

2010 Gründung von Kollekiv Rauschen gmeinsam mit M.Taxacher, S.Bauer, C.Schröder
2012 Gründung von Rauschen Space / Raum f. Sound & Kunst

 

Ausstellungen und Projekte (Auswahl, 2010 - 2017)
2017
Repeat All, unttld contemporary, Wien (A) (solo)2016
White Black Out, das weisse haus, Wien (A) (solo)

2015
Random thoughts of a daily light, Kunstverein d. weisse Haus, Wien (A)

2014
Ventifacts, Soulangh Art Center, Jiali (TWN)
Zirkulationen, Sammlung Friedrichshof, Zurndorf, Burgenland / Stadtraum Wien (solo) (A)
Die technische Rundschau 2014, altes Messnerhaus, Himmelberg (A)
In der Kubatur d. Kabinetts, Fluc ,Wien (A)
Tanz an der Kante, alte Braunviehalle Achselschwang (D)
Artist in residence, Hospiz Hotel St.Christoph, Arlberg (A)
Supper Club, Tba21 Wien, Performance, Kollektiv Rauschen, Tba21 Augarten (A)
„Erwartungen„ Lange Nacht der Museen, Kollektiv Rauschen, Fabrika Moskau (RUS)
Places of Power, Soundinstallation f.den österr. Pavillion, Architektur Biennale Venedig (IT)

2013
Alpha60, Klangmanifeste Wien, Kollektiv Rauschen, Echoraum,Wien (A)
Raumgrammatik, Alte Braunviehalle, Axelschwang (D)
Schritt für Schritt, Galerie 5020, Salzburg (A)
Grosse Trommel keine Lösung, bb15, Linz (A) (solo)
Psychodrom, Sound-Perfromance, Brut Proberäume, Wien (A)

2012
Silvretta Atelier 2012, Bieler Höhe, Montafon (A)
BYOB, Moe, Wien (A)
Expansion / Kollision , Bel Etage, Wien (A)
Entrapment, The Morning Line, Tba21, Schwarzenbergplatz, Wien (A)
Land.Schafft, Kunstforum Montafon, Montafon (A)
Ground Control , Kunsthaus Mürzzuschlag, Mürzzuschlag (A)
Display Praterstern, Fluc, Kunst im öffentl. Raum, Wien (A)

2011
RIL | sound, space + time, XBunker, Sondergorg (DEN)
Immersive Surfaces , Dumbo Arts Festival , New York (USA)
16. KomponistInnenforum Mittersill „MUSIK?“, Kofomi Mitterstill (A)
BYOB, Magazin Vienna, Wien (A)

2010
Gang, Hoffmann-Hotter-Schaab, Schauspielhaus Wien (A)
Rauschen, Freies Museum Berlin, Berlin (D)
Wald, Akademiegalerie, mit B.Goossens, München (D)
A dark love poem, schuebbe projects, Düsseldorf (D)