CHRISTIAN BAZANT-HEGEMARK

Berührungspunkte des Fragmentarischen
Michael Paninski

 
The time of the fragment, in other words, is never the fullness of the present. It is the time of between-times: between remembering and forgetting, continuity and discontinuity, obedience and objection; […] between time past and time still to come.
Leslie Hill1

Aufbrüche
Das Fragmentarische befindet sich im Aufbruch: Flüchtig und transitorisch ist es unterwegs im Namen der Auflösung des Totalitären. In der Spannungshaltung einer doppelten Relationalität von Abschluss und Öffnung
sucht es den Kontakt zur Grenze eines sich außerhalb befindlichen Ganzen. Anstelle seiner Selbstgenügsamkeit – anstatt also seinen „Inhalt zum Sinn“2 zu haben – verweist das Fragment in seiner Unfertigkeit zunächst
auf das außerhalb liegende Ideal eines geschlossenen Ganzen: „Diesen größeren Zusammenhang“, der vom Fragmentarischen ex negativo behauptet wird, kann durch es selbst jedoch nie bewiesen werden. Die Folge ist
eine „grundlegende Unsicherheit, die für Fragmente charakteristisch ist“3. In solch einer planvoll erregten Unsicherheitszone verschwimmen die Sinnzusammenhänge. Die Aufmerksamkeiten für Einzelheiten werden geschärft und die Interpretationsmöglichkeiten stimuliert. Weggelassenes drängt nach Ergänzung. Das System einer abgeschlossenen Werkästhetik wird durch das Unvollendete des Fragments geöffnet. Die scheinbar klare Opposition von Werk und Fragment befindet sich in der Begriffsgeschichte des Fragmentarischen somit selbst am Aufbrechen. Schon in den Theorieansätzen der Romantiker Friedrich Schlegel und Novalis kam es bereits zu einer Verschränkung der Kategorien4: Die Stärkung der „Emanzipation der Einzelteile“ reifte bis weit in die Moderne hinein und bewirkte eine Erhebung des „Fragments als Inbild ästhetischer Autonomisierung“ 5, die bis heute nichts von ihrem Reiz verloren hat. Bezogen auf die Darstellungsform in Kunst- und Kulturgeschichte wäre das Fragmentarische die Antriebskraft der ins Werk gesetzten Brüchigkeit von Erfahrungen – im Fragment befindet sich eine Gegenwart im Aufbruch. Dieses Auseinanderbrechen der Ganzheiten bei gleichzeitiger Wiedergewinnung einer neuen „Fertigkeit“6 – „diese Art, Absolutes dem Relativen zu entlocken und in der Abgetrenntheit Vertrautheit zu erlangen“7 –, führt zu einer mittlerweile fast ubiquitären Fragmentierung „(der Kunst) der Gegenwart“ innerhalb der Werkästhetiken: Totalitarismus des Fragments.8 Wollte man sich davon lösen, den Polaritäten des entweder Partialität oder Totalität zu verfallen, müsste man vielleicht versuchen, sich von den Zuschreibungskategorien zu lösen, die mit den Fragen einhergehen, was ein Fragment sei und wodurch es sich in Abgrenzung definiere. Man könnte sich dann aufmachen das Fragment von der Seite her zu denken, die danach fragt, wie es agiert und welche aktiven Qualitäten es freisetzt. Dann käme man dazu – und Blanchot ist diesen Weg bereits vor uns gegangen –, dass „eine solche Form ihre Weigerung, System zu sein, herausstreicht, ihre Leidenschaft fürs Nichtvollendete, ihre Zugehörigkeit zu einem Denken des Versuchs und des Versuchers, dass sie an die Beweglichkeit der Suche geknüpft ist, an das wandernde Denken“9.

Das Fragment: ein sich weigernder Wanderer
Die Formulierung einer Wanderschaft des Denkens im Fragmentarischen, die Blanchot hier in Anschlag bringt, ließe sich als Verkündigung der dauerhaften Anfänge weiterdenken. Auf Wanderschaft und auf der Suche zu sein, bedeutet auch immer wieder von wo aufzubrechen und woanders anzukommen. Das Fragmentarische wird somit zur Zwischenzone eines Zeit-Raums, in dem sich der Sinn des Fragments auf die unendliche Öffnung und die Unabgeschlossenheit der Bedeutungen einer endlichen Form hin ausspricht. Die Bruchstellen der Form des Fragmentarischen führen also zur Öffnung eines unablässigen Weiterdenkens. Fragmente sind Angebote und Verkündungen an die aktive und transitive Weiterführung der vermeintlichen Abgrenzungen: „Hier lassen sich weder ,Welt‘ noch ‚Sinn‘, noch ,Subjekt‘ einer gegebenen, vollendeten, ,abgeschlossenen‘ Präsenz zuordnen. Sie sind nur noch Ankunft, fallen nur noch mit der Endlosigkeit einer Ankunft zur Präsenz […] zusammen.“10 Der Kontakt zum Fragmentarischen besteht im Ausloten des Grenzgebiets von Darstellbarkeit: sei es
beispielsweise die Erkenntnis der unmöglich vollkommenen Überlieferbarkeit der Antike – dieses frühe Stoßen auf eine notwendige Brüchigkeit der Tradition, die in der Renaissance bei Leonardo da Vinci oder Michelangelo Buonarroti zur „Ästhetik des non-finito“11 führte, und bei Auguste Rodin – „Der partielle Körper ist keine Etappe, sondern ein Endpunkt“12 – ankommt; oder sei es das Fragmentarische als „Treibstoff der Progression“ einer antizipativ-kritischen „Fortverwandlung“ der Gegenwart in noch unbestimmter Zukunft bei Schlegel und Novalis. Im Fragmentarischen wirkt das gleiche Grundmotiv: eine in Ausschnitten entstehende Korrespondenz der Kategorien/Gegensätze. Es wird sowohl zum „Ort der Verteilung“ als auch zum Feld der „Bahnungen“.13 Das Fragmentarische beschriebe mit dieser Haltung einen Zustand noch unentschiedener Augenblicklichkeit.

Vom Werk zum Werkzeug
Beziehen ließe sich solch ein Augenblick auf den Moment der Lektüre. Die Eigenheit des Fragmentarischen läge dann darin, zur dauernd-werdenden Lektüre anzuregen, anstatt ein einholbares Wissen bereitzuhalten. Das Fragmentarische wird so vom Werk zum Werkzeug – sagen wir hier zum Sprachwerkzeug – mit dem der/die LeserIn mit dem Werk(-fragment) in eine wechselseitige Annäherung tritt. Was Schlegel im Auge hat, wenn er darüber schreibt, den „Dialekt der Fragmente“14 zu sprechen, ist eine andere und neue Form der Leserschaft: Eine, die „sich dem dynamischen Verständigungsgespräch der Worte selbst öffnet“15. In der Motivtradition dieser fortlaufenden Eröffnung neuer Deutungsmöglichkeiten als Bedingung wie Resultat der Lektüre des Fragments, wird es nun Sinnbild einer Polyphonie von Sinn – freilich in der Figur des unendlichen Aufschubs. Das Fragmentarische beschreibt somit vielmehr eine Denkform oder besser noch eine Denkbewegung, die sich in unablässigem Umschlagen und Werden befindet. Es bleibt dabei zugleich in einem singulären Verhältnis der unüberwindbaren Andersheit zu den Ganzheiten, von denen es sich abspaltet – es hat keine eigentlichen Gegenstücke, die darstellbar wären. Gleichwohl fordert es unablässig zum Gespräch heraus.

Berührungspunkte
Bewegen wir uns nun mit dem erarbeiteten Blick des Fragmentarischen auf die Gemälde von Christian Bazant-Hegemark zu, wird die paradoxe Ausgeglichenheit von Präsenz und Absenz, von An- und Ausformulierungen
oder An- und Ausdeutungen, die die Bilder unweigerlich durchwandert, keine zerreißende Unvollkommenheit, sondern eine anziehende Zerrissenheit. Das Fragmentarische an ihnen muss sich gar nicht erst gegen den Metaphernmagnetismus sperren, der in den narrativen Punkten der Bilder zur Sprache tritt, da die Formulierungen in fragiler Unabschließbarkeit verharren. Hier will nichts ausgesprochen werden: Das Figurationsmonopol muss sich nicht den Abstraktionseinfällen entgegenstellen. Die Bildelemente erscheinen in fragmentarischen Behauptungsmomenten, die sich der Beweisbarkeit möglicher Interpretationen entziehen können, da sie nichts beweisen müssen. Die Kraft des Fragments, die sich in den Bildern Bazant-Hegemarks ausspricht, ist keine unbedingte Epochenzerrissenheit, sondern die Darstellung der Verlagerungsprozesse von Schwerkräften, die auf mich wirken. Die zeitweise auftretende Strenge der Komposition orientiert meinen Blick, ohne ihn wirklich konstituieren zu wollen. In den Bildern werden Ankünfte vorbereitet, ohne sie einzulösen/aufzulösen: Die Bilder verharren in einer ungewissen Vertrautheit, die keinen Ort zu haben scheint. Komposition tritt hier noch eher als Messsystem auf, innerhalb dessen weder die Angemessenheit der Narration noch die Maßlosigkeit der Abstraktion in den Vordergrund drängen. Vielmehr scheint hier eine eigentümliche Maßgabe des Möglichen der Gegenwart des Fragmentarischen zu walten, die mich finden lässt, was sich doch nie behaupten ließe: Bilder, die auf mich warten und ohne die Last des Sich-Mitteilen-Wollens auskommen. Was uns in den Bildern Bazant-Hegemarks begegnet, ist die Schwebehaltung des Fragmentarischen: Vakuum der Bodenlosigkeiten.
1 Hill, Leslie, Maurice Blanchot and Fragmentary Writing: A Change of Epoch, New York: Continuum 2012, S. 2
2 Blanchot, „Nietzsche und die fragmentarische Schrift“, In: Hamacher, Werner (Hg.), Nietzsche aus Frankreich, Frankfurt/M. – Berlin: Ullstein Verlag 1986, S. 50
3 Gustafsson, Lars, „Über die Liebe zu Fragmenten“, In: Gustafsson, Die Bilder an den Mauern der Sonnenstadt. Essays über Gut und Böse, München – Wien: Hanser Verlag 1987, S. 86f
4 Fetscher, Justus, „Fragment“, In: Barck/Fontius Schlenstedt/Steinwachs/Wolfzettel, Ästhetische Grundbegriffe (Studienausgabe), Stuttgart – Weimar: Metzler Verlag 2001/2010, S. 551-588; S. 551. [„Jedes Werk ist wesentlich Fragment, jedes Fragment Werk, nämlich paradoxe Einheit von Begrenztem und Unbegrenztem. Unbegrenzbar ist alles Geschriebene, weil es nicht alles sagen, geschweige denn
mitteilen kann, und weil es in einem fortdauernden Prozeß der Geschichte, der Literatur und beider Interpretationen steht.“ [Ebd.] Analog ließe sich dieser Gedanke auch die Werke der Malerei anwenden.]
5 Ebd., S. 552
6 Nancy, Jean-Luc, „Die Kunst – Ein Fragment“, In: Dubost (Hg.), Bildstörung – Gedanken zu einer Ethik der Wahrnehmung, Leipzig: Reclam Verlag 1994, S. 170-184; S. 171
7 Ebd.
8 Fetscher, „Fragment“, a.a.O., S. 553
9 Blanchot, a.a.O., S. 50
10 Nancy, „Die Kunst – Ein Fragment“, a.a.O., S. 171f
11 Fetscher, „Fragment“, a.a.O., S. 555ff
12 Schaer, Roland, „Rodin/Fragmente“, In: Pingeot, Anne (Hg.), Das Fragment. Der Körper in Stücken [Ausst.-Katalog], Bern: Benteli 1990, S. 260
13 Nancy, „Die Kunst – Ein Fragment“, a.a.O.
14 Schlegel, „Über die Unverständlichkeit“, In: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, Bd. 2, Paderborn: Schöningh 1967; S. 367
15 Fetscher, „Fragment“, a.a.O., S. 568

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Christian Bazant-Hegemark

* 1978 in Mödling/Österreich.
Lebt und arbeitet in Wien.

Ausbildung
2011-2015 Dissertation “Painting and digital technologies” Akademie der bildenden Künste, Wien (Elisabeth von Samsonow, Felicitas Thun-Hohenstein)
2006-2011 Bildende Kunst, Universität für angewandte Kunst, Wien (Daniel Richter, Harun Farocki, Gunter Damisch, Diploma with Honors)

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 <still untitled>, Museum Angerlehner, Thalheim bei Wels (A)
2019 Inseparable, unttld contemporary, Wien (A)
2019 Kindness of Strangers, Galerie Voss, Düsseldorf (D)
2019 Folds, Bildraum 07, Vienna (A)
2019 <still untitled>, Reiners Contemporary, Marbella (ESP)
2018 Beauty of Complexity , Complexity Science Hub, Palais Strozzi, Wien (A)
2018 Balances, Brauneis Klauser Prändl, Wien (A)
2017 Considering the Circular Topology of Clouds, Hollerei Galerie, Wien (A)
2017 Im Salon, Galerie Schloss Parz, Grieskirchen (A)
2016 The Rise and Fall of Transformative Hopes and Expectations, Galerie Voss, Düsseldorf (D)
2014 Calibrating Aesthetics, Galerie Voss, Düsseldorf2014 Mapping Inexact Thoughts, Galerie Frey, Salzburg (A)
2013 Vow of Silence, Galerie Voss, Düsseldorf 2013 Prism, Form/Space Atelier, Seattle (USA)
2013 Origins of Semantics, Galerie Frey, Vienna2011 Erratic Living, Fondation Herz, Wien (A)
2011 Eternally Tormented (Von der Unmöglichkeit, Fuß zu fassen), Akademie der bildenden Künste, Wien (A)
2011 Past Understanding, Galerie Plamínek, Brno2011 Paradise Lost, Galerie Bellechasse, Paris (F)
2010 Der Gute Maler Fresse Ständig, Sotheby’s Artist Quarterly, Wien (A)
2010 Affiliations, Art Gallery Leipzig, Leipzig (D)
2010 Glaube Liebe Hoffnung, Roter Teppich, Wien (A)
2010 ausrauchen, ausrichten, Brick5, Wien (A)

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 Fame/Fake/Fail and Fear, Kunsthalle Exnergasse, Wien (A)
2019 Selfportraits, Landesgalerie Niederösterreich, Krems (A)
2019 HyperAccumulators, Pelham Arts Center, New York (USA)
2018 , Galerie Schloss Parz, Grieskirchen (A)
2017 KUNST_KOORDINATEN, Museum Angerlehner, Thalheim bei Wels (A)
2015 Roter Teppich 10 Jahresausstellung, Künstlerhaus Wien2015 Nach Picasso, Forum Frohner, Krems (A)
2015 Dis|Order - Vom Wesen dynamischer Systeme, Kunstverein Baden (A)
2014 Remembering Tomorrow, Kunstverein Baden, Baden (A)
2013 some roads to somewhere, Galerie Hilger, Wien (A)
2013 Das gute Bild, Palais Kinsky, Wien2013 Schwebe, Kunstverein Mistelbach, Mistelbach (A)
2013 Lady Parts, True Love Art Gallery, Seattle (USA)
2013 Vienna Calling I, Ambacher Contemporary, Munich (D)
2012 Salve Europa Kunstpreis (Ausstellung der Nominierten), Salve Art Gallery, Leipzig (D)
2012 Megacool 3.0, k-haus , Wien (A)
2011 Invisible, Kunstverein Baden, Baden (A)
2011 Sharing a room, Krokus Galeria, Bratislava (SVK)
2010 Before the movies, painting were like the movies, mo.ë, Wien (A)
2010 sizzling, flat1, Wien (A)
2010 Zwischen innen und aussen, das weisse haus, Wien (A)