Tim Plamper | Reflection is a Wall

Sobald man denkt, ist man zwangsläufig mit einer Linie konfrontiert 1
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Über die Schatten-Serien von Tim Plamper –

Radikale bildnerische Schöpfung ist gefährlich, mitunter lebensgefährlich. Denn ähnlich dem existenziellen philosophischen Denken, ist sie erstens nicht vom generellen Dasein des Schöpfers, also des Künstlers, zu trennen und zweites muss sich der Schöpfer auf neues Terrain wagen, ohne Rücksicht auf die Risiken, die ihn dort erwarten mögen. Ab einem gewissen Grad von Radikalität fallen dann nicht nur bildnerische Schöpfung und existenzielles Denken in Eins, sondern auch die unmittelbare Körperlichkeit des Kreateurs wird quasi als speisende Quelle und Schnittstelle zur Welt mit in den Prozess hineingezogen. Denn wirklich Originäres zu schöpfen, sei es im Bild oder im Gedanken, bedeutet auch ein jedes Mal radikal neu zu leben. Fundamental neu zu Agieren wird hier, so wie es Foucault sieht, zu einem „gefährlichen Akt“2, es wird zur Gewalt, die man zunächst gegen sich selbst ausübt.

Von eher kleineren akribisch-fotorealistischen Zeichnungen, über Zeichnungen von Doppelbelichtungen in mittleren Formaten und großformatigen Zeichnungen des Abstrakten bis hin zu ausufernden Zeichnungen von traumwandlerischen Mehrfachbelichtungen, welche über den Abstand des Betrachters zum Blatt die Spannung zwischen frei gesetzter Schraffur und fotorealistischer Anmutung ausloten, hat sich Tim Plamper immer wieder von dem Bekannten befreit und neue Zonen der Erprobung geschaffen. Dabei spielte seine eigene Körperlichkeit stets eine große Rolle. Das liegt nicht nur daran, dass Zeichnung als Praxis meist unmittelbar auf der subjektiven Motorik des Künstlers beruht, sondern auch daran, dass die Motivik seiner Arbeiten sich in großen Teilen aus einer inneren, erotisch aufgeladenen Bildwelt speist, in der Erinnerung, Begehren und Rätselhaftigkeit ineinander fließen. 


Seit 2018 begibt sich Plamper in seinen Schatten-Serien erneut, in radikaler Manier, auf unbekanntes Gebiet. Die Schatten sind ein wachsendes Konvolut diverser Reihen von ähnlich gearteten Blindzeichnungen und erforschen durch den einheitlich vorgegebenen Modus ihrer technischen Ausführung notwendigerweise Bereiche außerhalb des direkten organischen Sehens des Künstlers und außerhalb des direkten Abbildens einer physikalischen Umwelt. Initiierenden Schlüsselbegriffen folgend, breitet Plamper hierbei feine Graphitlinien auf beinahe transparenten Blättern aus, wieder und wieder und mit geschlossenen Augen. Dabei ist der Künstler gezwungen nach innen zu schauen, in seine Gedankenwelt, seine Erinnerungen, sein Begehren und sein elaboriertes, intuitives Formenrepertoire – und gleichzeitig seiner „geblendeten“ Wahrnehmung beim Setzen der Linie auf der gegebenen Oberfläche zu folgen. Er ist damit auch gezwungen seine bewährten Arbeitsstrategien komplett hinter sich zu lassen und sein bewährtes Können durch einen völlig anderen Zugang zu erproben. Während der repetitiven Prozeduren von Schatten verzahnen sich Bewusstsein und Handlung untrennbar, so ist hier das Zeichnen der Linie sowohl Suchen als auch Markieren im Strom des Bewusstseins zur gleichen Zeit. Diese Markierungen verdichten sich zu Zeichnungsserien an einer Oberfläche, wo sie für alle sichtbar sind. 


Eingebettet sind die Schatten in einen neuen, umfassenden Komplex von Fotografien, Zeichnungen und Texten, welche um Europa als Idee, Herkunft und Gemeinschaft durch die Perspektive des menschlichen Körpers und Verlangens kreisen. 
So tragen einige Blätter gesellschaftlich-abstrakte Begriffe und Zeichen wie z.B „postcapital“, „passage“, „O“ und die Sterne der Europäischen Union. Viele andere Blätter zeigen aus dem Innern hervorgebrachte schemenhafte Akte von Frauen und Männer, alleine auf die Fläche gesetzt oder in sich vereinigender Kombination. Und manche Blätter halten Körper und abstraktes Zeichen zusammen und zeigen damit die grundlegende Dialektik der künstlerischen Auseinandersetzung in diesem Komplex. Von Inhalt und Modus begeben sich diese Linien der Assoziationen unter anderem auf das Feld der Biopolitik, welches Michel Foucault im ersten Band „Der Wille zum Wissen“ seines finalen Opus „Wahrheit und Sexualität“3 detektiert. In der heutigen Kontrollgesellschaft schreibt sich die kapitalistische Macht direkt in die vitalen Körper der Bevölkerung ein. 

Tim Plamper folgt dieser Spur auf seine Weise, indem er seine eigene Körperlichkeit als Basis nimmt und Europa als thematische Rahmung seiner Agitation. Als kollektives, humanistisches Ideal und als Bund von Menschen ist Europa in akuter Gefahr, es erscheint jeden Tag mehr geschwächt, welkt dahin. Seine Oberflächen wirken abgenutzt, rissig oder metallisch, sein Fleisch ausgehöhlt und kopiert. Denn „die abstrakte Maschine nationaler Souveränität“4 nimmt wieder Fahrt auf und ist ein schädlicher Herzschrittmacher für ein humanistisches und paneuropäisches Polit-Projekt.

Gerade die jüngeren Generationen, zu denen auch Tim Plamper zählt, sind in der Geborgenheit und Zuneigung zu dieser sich von der Antike zur Neuzeit spannenden Idee aufgewachsen. Doch gleich Orpheus, der hilflos Eurydike an den Hades verliert, rinnt Europa durch die Hände der Betroffenen in Richtung eines Schattendaseins und eines final lauernden Gestrigen. So heißt es erneut: Eros versus Thanathos. Mit Deiner Liebe, Deinem Begehren und Deinem blühenden Leib sollst Du gehen an die Schnittstelle zwischen Leben und Tod in das Schattenreich, wo Hypnos, der Traum und der Schlaf und sein Bruder Thanatos, der sanfte Tod und ihre Schwester Ker, der gewaltsame Tod, walten. Nur dort wirst Du die Dinge fundamental ändern können. Sollte der eigene Körper allerdings erst mal als integrativer Part jener Biomacht sein, die auch ein humanes Europa zersetzt, inwiefern ist der Autonomie eines körperlichen Subjekts noch zu trauen? Klarer gefasst, ist „Fuck the Pain away“5 immer noch ein probates Mittel in heutigen Zeiten, wenn es um Selbstermächtigung geht? 


Eine weitere Schnittstelle in dieser zeichnerischen Auseinandersetzung konstituiert sich um Hypnos den Wächter und Überbringer des Un- bzw. Unterbewussten. Es spielt in diesem Fall eine zweitrangige Rolle, ob Carl Gustav Jungs Theorie von einem „Kollektiven Unbewussten“ oder Maurice Halbwachs Theorie eines „Kollektiven Gedächtnisses“ herangezogen wird. Ohne Zweifel spielt das Verhältnis von subjektivem Bewusstsein und kollektivem Unterbewussten in den Schatten eine große Rolle. Über den Weg der instinktiven Zeichnung blendet sich der Künstler förmlich nach innen herab, er hat einige Anker gesetzt und lotet verborgene kollektive Strukturen persönlich vor Ort aus. Das, was er dort vorfindet und visuell greifbar macht, betrifft auch uns, da wir nicht nur große Bereiche des Unterbewussten teilen, sondern auch nach Ihnen handeln. 


Schöpferische Arbeit ist eine sehr grundlegende Form des Umgang mit dieser widerspenstigen Welt oder nach Gilles Deleuze: „Man muss dahin kommen, die Linie zu falten, um eine lebbare Zone zu schaffen, in der man unterkommen, trotzen, Halt finden kann, atmen – kurz: denken kann. Die Linie einknicken, um auf ihr, mit ihr leben zu können: Eine Frage von Leben und Tod.“6 Vielleicht tut Tim Plamper gerade genau das. 


1 Gilles Deleuze „Unterhandlungen 1972 – 1990“, S. 149, edition Suhrkamp 1778, Frankfurt am Main 1993
2 ebd. , S. 148
3 Michel Foucault „Der Wille zum Wissen“, Suhrkamp Verlag, 1983
4 Michel Hardt und Antonio Negri “Empire”, S. 125, Campus Verlag Frankfurt / New York, 2003
5 Peaches “Fuck the Pain away”, aus dem Album: The Teaches of Peaches, 2000
6 Gilles Deleuze „Unterhandlungen 1972 – 1990“, S. 160, Edition Suhrkamp 1778, Frankfurt am Main 1993