Tim Plamper | Atlas

Das bewusste Erkunden von Grenzen und der unmittelbare Kontakt spannungsgeladener Pole stehen am Anfang der neuen Werkserie von Tim Plamper und damit am Beginn der Ausstellung in der Galerie unttld contemporary. Tim Plamper hat im Herbst 2014 eine sechswöchige Reise durch Südost-Europa und die Türkei bis nach Georgien unternommen und sich auf die Spuren des Wandels in den Grenzregionen Europas gemacht. Sein Augenmerk lag auf den Relikten der kulturellen Vergangenheit und den Bruchstücken der politischen Hinterlassenschaften und wie sie die gegenwärtigen Entwicklungen und Konflikte beeinflussen. So befand sich seine Wohnung in Istanbul inmitten des kurdischen Viertels und er wurde Zeuge der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen kurdischen Demonstranten und der türkischen Polizei, die sich beinahe jede Nacht ereigneten, während zeitgleich die syrisch-kurdische Stadt Kobanê durch den IS angegriffen wurde. Plamper hatte seine Reise ausführlich mit seiner Digitalkamera dokumentiert, doch als er Fotos für eine Ausstellung nach Deutschland schicken wollte und diese mit einen Computer in einem Internetcafé verband, kam es zum folgenschweren Kurzschluss, der die Speicherkarte der Kamera ruinierte und vom digitalen Reisearchiv nur mehr fragmentarische Tonspuren der Videoaufnahmen übrig ließ. Was blieb waren eindrückliche Erinnerungen und verstörende Bilder, die sich im Gedächtnis eingeprägt hatten. Die Suche nach „Fragmenten des alltäglichen Wandels“ (Plamper) an den Grenzen Europas zeitigte fragmentarische Eindrücke an den Grenzen der Erinnerung.

Soundscape
Zurück in Deutschland entwickelte er aus seinen Erinnerungsbildern und den erhaltenen Tonfragmenten Soundcollagen, die von einer dystopischen Atmosphäre getragen sind. Der längsten dieser Klanglandschaften gab er den Titel „Atlas“, der sowohl eine geografische, wie auch eine mythologische und eine metaphorische Grenze bezeichnet. Grundlage dieser Komposition ist einerseits das Rauschen des georgischen Flusses Kura in Tiflis mit davor vorbeifahrenden Rettungswägen und andererseits eine gewalttätige Auseinandersetzung von Kurden mit der türkischen Polizei in Istanbul mit lauten Rufen, den Abschussgeräuschen von Tränengas und darüber kreisenden Helikoptern.
Obwohl er sie als autonome Arbeit auffasst, hat die titelgebende Soundcollage im Zusammenspiel mit den großformatigen Zeichnungen für Plamper doch so etwas wie eine erläuternde Funktion, wie ein abstrakter Soundtrack zu den in den Bildschichten verwobenen Narrationen. Das Hören von Musik löst in den meisten Menschen Bilder und Emotionen aus, die dem Prozess der Betrachtung ihre Stimmung aufprägen und zu Projektionen auf das Wahrgenommene führen können.

Analogien
Ausgangspunkt der neuen Zeichnungen sind wie bei seinen früheren Arbeiten digitale Skizzen. Plampers Kompositionen entstehen zu einem wesentlichen Teil am Computer, auf dem er in langen Vorarbeiten Motive kombiniert und überlagert, die er seinem umfangreichen Foto- und Bildarchiv entnimmt, und die er mit einer gewissen künstlerischen Freiheit zeichnerisch umsetzt. Bei der Atlas-Serie kommt jedoch noch das bestimmende Moment der Transformation hinzu. Wie bereits erwähnt, hat Plamper die Erinnerungsbilder seiner Reise mithilfe der erhalten gebliebenen Soundfragmente in Klanglandschaften übersetzt. Die Zeichnungen stellen wiederum eine Rückführung des akustischen Materials in eine Form der Visualität dar. Die großformatigen Arbeiten basieren auf den Spektralfrequenzen der Soundcollage, die Plamper mit Hilfe einer periodischen Funktion visualisiert hat. „Die Spektralfrequenzen eines akustischen Signals charakterisieren einerseits seinen Klang und zeigen andererseits die Strukturen der rhythmischen Dynamik des Signals.“ (Plamper)
Klang gewordene Erinnerungsbilder und Bild gewordene Klangbilder verweisen auf die Funktionsweise unseres Gedächtnisses und den Prozess des Verarbeitens und Erinnerns. Die Bilder wollen uns dementsprechend nichts „sagen“, obwohl sie von spezifischen Inhalten durchwoben sind, sondern etwas zeigen, nämlich den Prozess des Erkennens, der eng mit dem Prozess des Erinnerns verbunden ist, denn wie der amerikanische Physiker und Computerwissenschaftler Douglas R. Hofstadter festgestellt hat, alles Denken beruht auf dem Herstellen von Analogien. Letztlich können wir das Neue, das wir wahrnehmen, nur auf das anwenden, was wir schon kennen. Die Spektralfrequenzen werden uns daher an Lichtreflexionen auf Wasseroberflächen oder nächtliche Landschaften erinnern und inmitten der abstrakten Graphitstrukturen werden wir Flüchtlingsboote, Wasserfälle oder Gebirge ausmachen. Es geht in den Arbeiten daher um jenen spezifischen Moment, in dem man im Dargestellten etwas erkennt.
Obwohl Plamper vornehmlich als Zeichner tätig ist, arbeitet er mit den klassischen Parametern des Malers, mit Prozessen des Auftragens und Wegnehmens, dem Spiel zwischen Realraum und Illusionsraum etc. Nun spielt sich die Materialtiefe beim Medium Zeichnung naturgemäß im Millimeterbereich ab. Plamper kratzt vor dem Zeichenprozess chiffrenartige Strukturen und mitunter Worte in das rohe Papier, in die das Pigment in Folge nicht bzw. nur bedingt eindringt. Es zeigt sich an dieser Arbeitsweise jedoch seine Bestreben, die Grenze zwischen dem Motiv und dem Material auszuloten, jenen Metaraum zwischen Papier und Pigment, in dem sich die Bedeutung festsetzt. In letzter Zeit hat er versucht, diesen Raum durch collageartige Stückelungen und Überlagerungen klarer zu definieren. So entstehen zum Beispiel durch die Überlagerungen an den jeweiligen Schnittstellen neue ungegenständliche Motive, die eine eigene Realität ausbilden.

Assoziieren und Dissoziieren
Die vielfältigen Schichtungen und Überlagerungen und Plampers paradigmatische Arbeitsweise des Hinzufügens und Wegnehmens lassen ein komplexes Verweissystem von Verflechtungen und Entbindungen entstehen, das sich in der doppelten Bewegung der Vernetzung manifestiert: dem Assoziieren und Dissoziieren. Einerseits werden die Erscheinungen der Gegenwart mit Elementen der eigenen Erinnerung und Vorstellung verknüpft. Andererseits wird versucht, sich in einer dissoziierenden Herangehensweise davon zu lösen, um sie aus der Distanz zu beschreiben. Der bewusste Wechsel zwischen den beiden Zuständen des Gebundenseins und der Distanz ist Rahel Jaeggi und Tilo Welsche zufolge ein Wesenszug für kritisches Denken: „Kritik bedeutet immer gleichzeitig Dissoziation wie Assoziation. Sie unterscheidet, trennt, distanziert sich; und sie verbindet, setzt in Beziehung, stellt Zusammenhänge her. Sie ist, anders gesagt, eine Dissoziation aus der Assoziation und eine Assoziation in der Dissoziation.“[1]
Wir leben in einer Zeit, in der alles und alle miteinander vernetzt sind, in der Menschen ihrer selbst zunehmend als Teil eines weltumspannenden Gewebes gewahr werden, welches sie miteinander teilen, welches sie aber auch teilt – welches sie verbindet und zugleich trennt. Tim Plamper findet Bilder für diese komplexe Struktur der Gegenwart, die sowohl von sozialer Relevanz wie auch von ästhetischer Dichte sind.

Roman Grabner.

[1] Rahel Jaeggi/Tilo Welsche, Einleitung: Was ist Kritik. In: Rahel Jaeggi/Tilo (Hg.), Was ist Kritik? Frankfurt/Main 2009, S. 7-20, .8.