Sofia Goscinski | Believer

Sofia Goscinski – Believer
09.06. – 31.07.2020

Das Fragment eines Körpers sendet kryptische Signale: Ein gebeugter Arm, dessen oberes Ende in einen Stumpf mündet. Der Bizeps leicht angespannt, ganz ohne Muskeltraining mit geballter Faust. Denn Daumen und digitus quintus der langgliedrigen Hand sind gespreizt, während Zeige- und Ringfinger ineinander verkeilt ein Dreieck formen. Der gekrümmte Mittelfinger ruht auf dem Armstumpf. Es ist dieses Detail, dem die als „Le main d’Artaud“ betitelte Tonskulptur ihre in sich geschlossene Form verdankt. Man mag an Antonin Artaud als Theaterrevolutionär zwischen Genie und Wahnsinn denken, an sein asketisches Äußeres, dem schon früh etwas Märtyrerhaftes innewohnte. Das reliquienhaft anmutende Objekt strahlt jedenfalls – wie so viele Arbeiten von Sofia Goscinski – eine existenzielle Grundstimmung und Rätselhaftigkeit aus.

In ihrer dritten Solopräsentation bei unttld contemporary führt Goscinski unter dem Titel „Believer“ Skulpturen und Bilder zusammen, die – so scheint es zunächst – nur lose in Zusammenhang stehen. Neben „Le main d’Artaud“ treffen wir auf das mit lockerem Pinselstrich skizzierte Konterfei von Wikileaksgründer Julian Assange, auf eine Regentänzerin mit Wasserkrug, auf „Desert Plants“ – raumhohe, betongraue Stelen –, auf eine Bodenskulptur, bestehend aus einem Mantel und bronzenen Händen, die aus den Ärmeln ragen. Letztere lässt Gesten der Anbetung oder Unterwerfung assoziieren. Dann ein in Hautfarbe getünchtes Leinwandbild auf dem sich das englische Adverb Not verflüssigt. Aus dem Untergrund der dicken Farbschicht, kaum wahrnehmbar, steigt das Wort Paranoia auf. Und schließlich – im Reigen dieser höchst eigensinnigen Kombination unterschiedlich anmutender Bedeutungsträger – das Selbstporträt der Künstlerin in Form einer Totenmaske.

Woran glauben oder nicht, um dem eigenen Leben Richtung zu geben? Welche innere Haltung einnehmen, welchen Standpunkt beziehen, welcher Überzeugung folgen? Grundsätzliche Fragen wie diese bilden das gedankliche Fundament für die Ausstellung „Believer“. Dem Titel folgend fügen sich nun auch die einzelnen Komponenten der Schau gut zusammen. Artaud, der unermüdlich an seinem Konzept des Theaters der Grausamkeit feilte, das seinerzeit nie so recht aufgehen wollte, aber großen Einfluss auf die Generationen nach ihm hatte. Assange, der auf die demokratisierende Kraft des Internets schwor, um politischer Geheimniskrämerei ein Ende zu setzen. Der von seinen Gegnern dämonisiert, von seinen Mitstreitern verehrt wird, weil er für eine transparente Wissensgesellschaft plädiert. Die Arbeit „Raindance“ als Verweis auf die Zuversicht von Naturvölkern, dass Tanzrituale den langersehnten Regen herbeiführen. Die Skulpturengruppe „Desert Plants“ – ein Sinnbild für die Wüste als Ort der Erkenntnis, aber auch als jener, wo Trugbilder wie die Fata Morgana den Verstand vernebeln.

In Goscinskis Ausstellung sind mit „Believer“ nicht die Anhänger von religiösen oder ideologischen Gemeinschaften gemeint. Vielmehr interessieren die Künstlerin Handlungen und deren Tragweite, die auf individuellem Willen, auf Überzeugungen abseits von Dogmen gründen. So kommt der Totenmaske als Selbstporträt schließlich die Funktion eines Spiegels zu. Wer bin ich? Woran glaube ich? Was macht mich aus und was kann ich bewirken? Sofia Goscinski inszeniert das Dilemma der (künstlerischen) Selbstreflexion vor der Folie großer Namen, symbolischer Landschaften und ritualhaft anmutender Versatzstücke. Als BesucherInnen ihrer Ausstellung sind wir am Ende auf uns selbst zurückgeworfen.

Manisha Jothady