Samuel Schaab | Repeat All

Ein Stein – vor ewigen Zeiten entstanden überdauert er Generationen und Zivilisationen; stabil und dauerhaft, doch auch er nur komprimierte Materie, in die er schließlich wieder verfallen wird. Indessen, im Zwischenraum seines Bestehens als Stein, wie jedes Gebilde ein Archiv, aus dem sich Vergangenes ablesen lässt, ein Speicher, der mit großer Trägheit verfällt, eine Ruine.

Die Werke von heute sind die Ruinen der Zukunft. Eine Tonaufnahme auf Magnetband, instabiler Speicher bald nicht mehr verständlicher Worte. Köpfe aus Stein, Konstrukte und Maschinen aus Stahl, Bauten aus Beton, vergängliche Götzen und Symbole der Hierarchien von Gesellschaften, die die Geschichte in Zyklen hervorbringt und wieder kollabieren lässt. Wind und Gezeiten tragen Schicht für Schicht ab von den materiellen Relikten sozialer Systeme, löschen ihre Archive; neue Gesellschaften überschreiben sie und erzeugen dabei stetig weitere, noch ungelesene. Was der Mensch erschafft, damit es sein irdisches Dasein überdauert, ist nicht weniger empfindlich als seine eigene Existenz.

Doch solange wir sind, geben wir den Dingen Bedeutung, indem wir sie formen, sie aufladen. Ein Stein, zunächst austauschbares Fragment einer mächtigen Steinformation, wird abgetragen und ausgerichtet, be-schrieben und be-sprochen, be-lichtet und be-schaut. Aus stummer Materie wird ein Gegenstand mit Bedeutung. Setzen Beschauung und Besprechung aus, und gehen Beschreibungen verloren oder werden unbestimmbar, so schwindet auch die Bedeutung.

Der Beschreibung dient das Wort, kombinierbar und re-kombinierbar aus einem vorgegebenen Satz an Elementen, einem Vokabular. Ebenso ein Vokabular liegt auch Schaabs Skulpturen und Installationen zugrunde, immer wieder neu gekoppelte Einzelstücke – Metallteile, Leitungen, Klangquellen, Leuchtkörper und Bilder – verschmelzen zu komplexen Strukturen, die eine mögliche, oder eine ehemalige Funktion und Verwendung andeuten. Massiv und fragil zugleich suggerieren sie ein empfindliches Gleichgewicht großer Kräfte, die durch dessen Kippen freigesetzt würden.

Eine Ausstellung von Schaab ist keine Präsentation einzelner Arbeiten, sie ist die Einrichtung eines Systems für eine begrenzte Zeit, verwoben in den jeweiligen Raum. Ton, Licht und Materie einzelner Arbeiten durchdringen einander, Bild- und Wahrnehmungsachsen sind überlagert, und immer neue Verknüpfungen und Verweise treten zum Vorschein. Lebendiges trifft auf Totes, Flüchtiges auf Konkretes – Weißes auf Schwarzes, Stimme auf Stein. In einer ewigen Schleife von Iterationen verfolgen einander Festschreibung und Auflösung.

Text: Moritz Stipsicz, 2017