Samuel Schaab | La Modification

 

Bestandsaufnahme und Variation

Samuel Schaabs Ausstellung „La Modification“ ist von einer gewissen Unruhe, Reizbarkeit, fast Nervosität geprägt. Die ausgestellten Objekte scheinen unaufhörlich auf Impulse zu reagieren. Zugleich sensible Empfänger von Informationspartikeln wie Sender fragmentierter Codes synthetisieren die ausgestellten Objekte Ereignisse der Außenwelt. Spannung generiert sich gerade im Zwischenraum, den die Übersetzung erzeugt, zwischen real und digital, zwischen dinghaft und ephemer, zwischen abgeschlossen und offen.

Stimmen einer raumgreifenden Tonspur und synchrone Lichtimpulse scheinen das Arrangement an Objekten zu beleben. Die erzeugten Schattenwürfe deuten mögliche Interaktionen an, Zwiegespräche, die begonnen, doch nicht aufgelöst werden.

In Samuel Schaabs Ausstellungsrepertoire kommen Materialien, Instrumente und Einzelteile aus verschiedenen Kontexten zusammen. Es sind Dinge aus dem Fundus des Künstlers –gefundene Gegenstände, Stücke anderer Arbeiten, neu hergestellte Objekte – deren gemeinsame Basis Metall ist. Auffallend in ihrer Präsenz und Wiederholung sind schwarze Metallschleifen, die sich über den Raum verteilen. Unweigerlich stellt sich die Assoziation an Magnetbänder ein, die als Datenträger Klang speichern. Die Sphäre der Musik ist im Raum präsent: (Snare) Drums, Becken, Drumsticks und Tonspulen werden zu skulpturalen Objekte. Sie sind auf Stativen und Stehern installiert, mit Staubfiltern bestückt oder in Einzelteile zerlegt, wodurch sie ihre vorrangige Funktion verlieren. Acht farbige Kegel brechen die Schwarz-Weiss-Formationen auf und deuten neue Zusammensetzungen der Bestandteile an. Dazwischen finden sich nicht näher definierte Überreste, die auf die generelle Unabschließbarkeit des Arrangements verweisen. „La Modifaction“ ist weniger ein fertiges Set als ein assoziativer Raum zwischen Skulptur, Sound und performativer Aktivierung.

In der oberen/mittleren Etage findet sich ein reduziertes Arrangement, das sich als materialisierter Ereignis wie auf einer Bühne darstellt. Im unteren Teil befindet sich das Repertoire, das potenziell Teil werden kann und weitere Möglichkeiten der Modifikation und des Samplens eröffnet – quasi unendliche Variationen der einzelnen Bestandteile.

Die eingesetzten Instrumente und Sounds evozieren Assoziationen an eine Band, die auf ihren Auftritt wartet, sich erst in dem Moment formiert oder die Bühne schon wieder verlassen hat. Es ist eine Spannung zwischen Geschehen und Nicht-Geschehen, zwischen Auflösung und Irritation, die den Raum erfüllt. Als Bühne für poetische wie politische Botschaften fungiert auch das Theater – ein Ort, der sich auch in Schaabs künstlerischer Praxis wiederfindet. Neben seinen installativen Werken, arbeitet er mit Klang und Performance. Er kuratiert zudem ein Veranstaltungs-Format für Performance, Sound und Kunst. Eine performative Aktivierung wird während der Eröffnung auch das Setting von „La Modification“ erfahren.

Die Ressourcen der Installation sind vielfältig und beziehen sich durchaus auch auf Quellen außerhalb des Kunstbetriebs. Die anklingenden Zitate stammen aus den Bereichen der Popkultur, der technikaffinen Start-Up-Szene oder der internationalen Politik. Man hört den Firmenchef von Ali Baba Jack Ma: „If people worry, I am happy“, neben Phrasen wie von Vivienne Westwood: “I find it too boring, it’s a waste of my time” oder Barack Obamas ; “I spend a lot of time… “. Aber auch Charles Bukowskis scheinbarer Metakommentar: “ How random is random?”. Eine Polyfonie starker Stimmen, die im virtuellen Raum des Internets disponibel ist. Der begleitende Beat, der Objekte und Raum vibrieren lässt, und das pulsierende Licht verbinden die Objekte und Stimmen zu Teilen eines Ganzen.

Die Aussagen und Meinungen, die über die Tonspur erklingen, scheinen die Vielstimmigkeit wie Widersprüchlichkeit von uns umgebenden Echokammern anzudeuten. Sie können dabei so persönlich wie politisch gelesen werden und verweisen nicht nur auf die Kontingenz der Welt um uns herum, sondern auch auf die verschiedenen Rollen, die der/dem Einzelnen darin zuteilwerden. Schaab fängt Partikel des Draußen ein, bringt sie in den Ausstellungsraum, wo sie aufeinanderprallen, neu zusammengesetzt werden oder ins Leere laufen. In ihrer Re-Kombination konstituieren sich Bruchstellen, die assoziativ neue Zusammenhänge zwischen den fluiden wie und beschleunigten Verhältnissen unserer Gegenwart erzeugen.

„La Modification“ präsentiert weniger eine Auflösung von kollidierenden Tönen als eine Übersetzung und Synchronisation von weltlicher Kontingenzerfahrung und medial ablaufenden Loops. Als Aufnahme der Zeit zeichnet seine Installation keine eindeutigen Schemata nach, sondern entfaltet sich in unabgeschlossenen Aktionen und Wiederholungen von Klang- und Lichtreizen, Phrasen und Rhythmus, zwischen Sound und Objekten. Hier steht nicht die Auflösung von Komplexität im Vordergrund, sondern die Ambivalenz der Gegenwart.

Juliane Bischoff