onwards and upwards

onwards and upwards Die Eröffnungsausstellung der Galerie unttld contemporary wird von drei Künstlergenerationen gestaltet – Ruth Schnell, Christian Egger und Thomas Wagensommerer. Ruth Schnell – Camouflage | Golden Nuggets Ruth Schnell, Vertreterin Österreichs auf der 46. Venedig Biennale 1995, beschäftigt sich seit den frühen 1980er Jahren mit dem damals neuen Medium der Medienkunst. Schnell belegte unter anderem Kurse bei Valie Export und eignete sich binnen kurzer Zeit das Wissen an um innovative Projekte realisieren zu können. Anfangs arbeitet Ruth Schnell im Kollektiv mit Gudrun Bielz, wobei auch ein Gemeinschaftsprojekt „Punching Ball“ der beiden Künstlerinnen auf der Aperto-Ausstellung der 44. Biennale von Venedig 1989 bereits gezeigt wurde. Ruth Schnell war am Puls der Zeit als das digitale Zeitalter hereinbrach und stellte die künstlerisch wichtigen Fragen und folgert: „Im Diskursfeld der neuen Medien hat der Begriff Virtuelle Realität in Schlüsselposition gleichsam magische Bedeutung angenommen, nicht zuletzt deshalb, weil ein bestimmer Realitätsbegriff seine Selbstverständlichkeit noch nicht verloren hat.“ Rein formal können Ruth Schnells Arbeiten in „interaktiv mediale Environments, Arbeiten mit Leuchtstäben, Videoskulpturen, dynamische Videoprojektionen, Videotapes und Arbeiten in performativem Kontext“ eingeteilt werden. Die im oberen Stockwerk gezeigten Werke beziehen sich auf ein Projekt der Künstlerin aus den Jahren 2012/13, welches Sie am Silvretta-Stausee an der Bielerhöhe in Vorarlberg geführt hat. Der Silvretta-Stausee der Illwerke wurde ab 1938 in drei Teilen von NS-Zwangsarbeitern errichtet. 1951 erfolgte der erste Vollstau des Sees. Ab 2009 fanden umfassende Sanierungsarbeiten der Staumauern statt. Die Künstlerin nahm die Revitalisierungsmaßnahmen der Staumauern zum Anlass um sich näher mit der Geschichte des Baus auseinanderzusetzen. Einerseits zeigen die Fotografien den idyllischen Blick auf den Silvretta Gletscher, andererseits lassen die in Camouflage – Optik stehenden Fahnen an die Zeit des Nationalsozialismus denken: Nachdem die Österreich-Flaggen durch jene ersetzt wurden, stehen die Fahnenmasten in Reih und Glied, wie Zinnsoldaten. Die Golden Nuggets – Steine vom Grund der Staumauern überzog Ruth Schnell mit Blattgold. Erinnerungen haben großen Wert. Christian Egger | untitled ( I feeleth creative. I ) untitled ( I have not felteth creative before…) untitled ( …but I feeleth creative noweth!) untitled ( I feeleth creative. II ) Für jene Serie dienen Christian Egger einzig Din A 4 Blätter und Tintenpatronen als Arbeitsutensilien. Die Beschränkung auf Din A 4 und Tinte beschleunigen einen expressiven malerischen Akt, limitieren und steuern ihn. Durch die kontinuierliche Fortführung dieser Skizzenserie über einen langen Zeitraum entstand ein Archiv von ca. 3000 Zeichnungen, ein naives Vokabular von Linien und Formen aus seiner intensiven Beschäftigung mit der Formensprache der abstrakten Avantgarden. Diese dienen den weiterführende Übertragungen auf großformatige Leinwände und Spiegel als Vorlage. In der aktuellen Ausstellung „onwards and upwards“ wurden sie auf noch Schutzplastik verpackten Leinwänden mit Klebstoff aufgetragen und thematisieren so auch das Stattfinden des malerischen Aktes selbst in einer, generell dem Diktat der kreativen und flexiblen Teilnahme am gesellschaftlichen Reproduktionsprozess unterworfenen Gegenwart. Thomas Wagensommerer | black bars | we lost. long time ago black bars fixed media (cinemascope – stereo – 10´) Thomas Wagensommerer 2014 Prolog Es ist immer noch mehr zu sagen – wie auch immer und in solipsistischer Verschwiegenheit. Eine Verschwiegenheit, die ungenügend ist, weil sie privat bleibt. Wenn es aber genannt werden kann, dann immer auch öffentlich. Denn nur dort – im Öffentlichen, im Zugänglichen – liegt sein Fleisch. Das lebenswichtig rote Fleisch. Doch wird gezielt in dieses Fleisch geschnitten. Sarkasmus. Und die Selbstermächtigung im Nennen beschränkt und in der Neutralisierung ertränkt. Ein absurd brutaler Akt des Sprachentzugs als Folge der Angst vor der Gewalt der Sprache. Ein Biotop der Verweise muss arbeiten. Die systemische Dynamik muss erhalten bleiben. Nun muss der Einschnitt angefochten werden, wenn auch verbunden mit einem Verlust an Lesbarkeit. Lesen wird erlernt. Und wer alles immer zu lesen vermag, der liest auch gerade eben. Was ist „es“ und wenn die einzelne Zelle gebrandmarkt ist, wann riechen wir verbranntes Fleisch? Das Fleisch kann nicht sprechen, aber es muss entschieden schreien. Kontextualisierung David Foster Wallaces „Good Old Neon“ postuliert mit seinem Einstieg „My whole life I’ve been a fraud.“ nicht nur die resignierende Konstitution seines lyrischen Ichs, sondern auch die Tragweite der Komplexität des Denkens mit der und über die Sprache. Offen- und absichtlich paraphrasiert der Autor das – durch Aristoteles‘ Bearbeitung berühmt gewordene – Lügner Paradox von Eubulides von Milet, denn die / der LeserIn wird unmittelbar mit der (ihrer bzw. seiner) Unzulänglichkeit konfrontiert, über die Wahrheit der Aussage zu urteilen. Auch wird dadurch inhaltlich gewandt das Gemäuer des logischen Denkens angekratzt, wenn es auch stets unmittelbares Fundament des thematischen Zentrums ist. So wirkt vielleicht das logische Konstrukt wie ein Katapult. Es ergibt sich durch die Syntax eine semantische Verzerrung, die – technisch betrachtet – harmonische Obertöne erzeugt und effektiv das semantische Spektrum verbreitert. Die Art der Verzerrung ist jedoch keine eindeutig zu definierende, sondern in der Flexibilität ihrer Struktur eine dynamische und sich rückschließende. Das ergibt einen generativen Motor als Kern der Art der Verzerrung, die folglich auf ebenfalls generative Weise das Gesamtspektrum entwirft. Das Wort ist diese(r) Art und ihr Kern ist die Bedeutung. Der Kern muss angeregt werden, um in Verweisen zu explodieren. Wie Ankerhaken setzen sie sich im semantischen Spektrum fest. Auch ist es interessant das Wort Spektrum (von lat.: u.a. Gespenst) im Kontext von D. F. Wallaces Kurzgeschichte zu verwenden, da das lyrische und annähernd autobiographische Ich in einem Zustand sequenzloser Zeit über die Anbahnung und Ausführung seines eigenen Suizids erzählt. „It’s not that words or human language stop having any meaning or relevance after you die, by the way. It’s more specific, one-after-the-other temporal ordering of them that does. Or doesn’t. It’s hard to explain. In logical terms, something expressed in words will still have the same ‚cardinality‘ but no longer the same ‚ordinality‘ All the different words are still there, in other words, but it’s no longer a question of which one comes first. Or you could say it’s no longer the series of words but now more like some limit toward which the series converges […] Or maybe imagine everything anyboby on earth ever said or even thought to themselves all getting collapsed and exploding into one large, combined, instantaneous sound. […] all you know is that there’s a before and an after, and afterwards you’re different.“ Der Blick bleibt tendenziell auf das Vergangene gerichtet. Auch ist diese zeitliche Staffelung keine kongruente, sondern springt stetig aus der Vergangenheit in unterschiedlich weiter zurückliegende Vergangenheiten. Diese Sprünge erscheinen ähnlich einer obertonreichen Verzerrung eines harmonischen Signals in seinem Spektrum. Gegen Ende beschreibt Wallace in einer Fußnote anhand des Aufpralls während seines tödlichen Autounfalles den Zusammenhang der untrennbaren Einheit Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft und attestiert dabei dem gegenwärtigen Moment die Eigenschaft einer absoluten Analyseresistenz. „[…] if time is really passing, how fast does it go? At what rate does the present change? See? Meaning if we use time to measure motion or rate – which we do, it’s the only way you can – 95 miles per hour, 70 heartbeats a minute, etc. – how are you supposed to measure the rate at which time moves? One second per second? It makes no sene. You can’t even talk about time flowing or moving without hitting up against paradox right away.“ Aus heutiger Sicht besonders interessant wird die Betrachtung von „Good Old Noon“, wenn die / der LeserIn unmittelbar in die sprunghafte Zeitstaffelung eingebunden wird. Und das wohl gezwungenermaßen: Die Gegenwart der / des LeserIn fällt zusammen mit der sequenzlosen Zeitlichkeit der Gegenwart des lyrischen Ichs. Diese Fusion wird jedoch kontinuierlich aufgebrochen durch das Wissen über den wenige Jahre späteren tatsächlichen Selbstmord D.F. Wallaces. So springt die / der Lesende in eine für sie / ihn bereits vergangene Zukunft. Die / Der LeserIn prüft in jedem Moment die semantischen Verstrickungen im Vergangenen, im Gegenwärtigen und im Zukünftigen des Ichs ab. Das semantische Spektrum scheint bis zum Zerbersten verzerrt. Im letzten Absatz benennt das Ich seine vergangenen Instanzen als David Wallace, wie das Wort das Ding benennt. Wie der Körper an dem Brückenpfeiler zerschellt das Wort an seiner Bedeutung. So endet David Foster Wallace passend: „Not another word“ . Durchführung Die Videoarbeit „black bars“ erarbeitet ein System aus wechselseitigen Verweisen und geht dabei von Löschungen, Überschreibungen und Querverbindungen in der sowie durch die Sprache aus. Die scheinbar unauflösbare Einheit aus Sprachsystem, sprechenden Subjekten sowie den von SprecherInnen artikulierten Wörtern wird in ihrer Selbstbezüglichkeit kurzfristig ausgehebelt. Mithilfe eines Suchalgorithmus‘, der es erlaubt, gesprochene Sprache zu isolieren und zu identifizieren, wird ein Signalstrom erstellt, dessen Zentrum stets das Wort word ist. Indem jedoch genau ebendieses word durch einen Sinuston mit einer Frequenz von einem Kilohertz (bleep censor) ersetzt wird, ergibt sich einerseits eine Rhythmisierung des Sprachsignalstroms, andererseits überträgt sich die Gegenwart der Bedeutung von word blitzartig auf das klangliche Symbol. Doch wird nun nicht ein Symbol durch ein anderes umbenannt (Metonymie), sondern durch ein drittes, verdichtetes Symbol ersetzt. Der Satzteil vor word wird zu seinem konstituierenden Vergangenem, während der Satzteil danach als ein sich anbahnendes Zukünftiges erscheint. Diese Dreiteiligkeit der Symbolbeziehung, sowie jene der zeitlichen Kausalität, wird in einer syntagmatischen Versuchsanordnung aus Sprache, Bild und Klang konzentriert.