MOTHER´S TONGUE AND FATHER´S MOUTH | curated by MÉLANGE

MOTHER’S TONGUE AND FATHER’S MOUTH

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“The relation between now and tomorrow, between the present state of the world and the future state of the world is not necessary (that is, necessitated). The present does not contain the future as a linear development. The emergence of a form among many possible forms is the – provisional and unstable – effect of a polarization, the fixation of a pattern.“
– Franco Bifo Berardi

Was Sprache und Kunst verbindet, ist die Behauptung einer zeitlich gebundenen Aussage, der Wahrheitsgehalt zugeschrieben wird. So wie Bifo die Möglichkeit und Verbindung von einem Jetzt mit einer Form von „Zukunft“ gegenüberstellt und den menschlichen Körper vor die Wahl stellt, eine bewusste Entscheidung zu treffen, so finden sich genau diese unbewussten Prozesse in Sprache und Kunst wieder. Jeder bewusste Entscheidungsprozess kann zu einer Variation von Zukunft führen und somit jedes Kunstwerk zu einer Aussage unsere Zeit zu mutieren. Diese Mutation in Form einer Aussage ist nicht notwendigerweise leicht zu fassen, noch schwieriger ist es sie ausreichend zu beschreiben. Die Authentizität die dieser Behauptung, innewohnt gilt es jederzeit zu hinterfragen.

Unsere Sprache ist eine dehnbare, zähe Masse. Sie ist alles und nichts. Sprache passiert ohne zu denken, formt sich durch den Gebrauch von alleine in der menschlichen Entwicklung. Sie form sich derart, dass es bis heute ungeklärt bleibt, wie sich die menschliche Sprache überhaupt entwickeln konnte. Das Ergebnis einer weltweit führenden Studie von 2014 kommt zu dem ernüchterndem Schluss: „The origins and evolution of our linguistic capacity remain as mysterious as ever.“

Trotz dieses Mysteriums gibt Sprache den Horizont der eigenen Denkinhalte vor – sie liegt vor dem Gedanken. Die Grenzen der eigenen Welt, was für einen ist, sind die Grenzen der Sprache. Der Bereich des Möglich/Machbaren und damit Facetten von „Wirklichkeit/Zukunft/Vergangenheit“ liegen im Vermögen darin, es durch Sprache bildhaft werden zu lassen. Was gesagt werden kann, wird in den Bereich der Wahrscheinlichkeit überführt, wird zur Eventualität. Truth or False. Fake or Fact. Welt ist alles, was eine Tatsache ist. Wie aber lässt sie sich als solche veri- oder falsifizieren? Wie sinnig ist die Aufteilung Wahr/Falsch = Sinn/Sinnlos noch?

Findet doch heuer das Falsche mehr Beachtung und Zuspruch als das gute Wahre (Alt-Right, Post-Faktisch, Fake News, Alternative Facts, Trump Trump Trump, etc). Welchen Stellenwert kann die Behauptung scheinbarer Wahrheitsansprüche noch haben? Welche Realitäten/Möglichkeiten werden hier geschaffen?

Ein Nutzen von Sprache ist die der (gelingenden) Kommunikation. Die der Sprache inhärenten Logik, geht damit die Idee der Effizienz voraus. Sprache will funktionieren und vermitteln. Sie will Form annehmen und unsere Wahrnehmung beeinflussen. Der Effizienz steht das kreative Denken gegenüber, dem Interpretierbaren, dem Verlassen von Repräsentation und Stellvertretung. Narrativität und Fiktionalität ergänzen sich.

Man möchte ausscheren. Kein lineares Bild liefern, sondern die Vielfalt an Varianz aufzeigen. Möglichkeiten für eine zukünftige Sprache finden. Das Notwendige vom Nötigen trennen und überprüfen. Das Nichtverstehen einer Sprache heißt nicht zwangsläufig, ohne Erkenntnis zu bleiben. Was bedeutet es, Kunst als mögliche Aussage zu lesen, die bewusst erkenntnistheoretisch nicht verstanden werden kann, oder explizite Sprachlogiken umgeht. Eröffnet sich vielleicht doch gerade im Spiel mit der Sprache, Sinn und Zweckgebundenheit hinter sich zu lassen. Doch wir treten oft in die Falle einer inhärenten Logik, die einer sprachlichen Aussage innewohnen muss. Denn das erkennen von Mustern, das Dekodieren ist eine unvermeidliche Aktion der sprachlichen Kommunikation, als auch von Kunst.

Kunstwerke als Sprachinstrument von KünstlerInnen zu verstehen heißt, sie als Mittel der Kommunikation mit Welt und Sich zu deuten. Jede/r KünstlerIn entwickelt ihr/sein eigenes Bezugssystem von Sprache und somit seinen eigenen Grad an Logik/Nicht-Logik; an Aussage/Behauptung. Es gilt den Code dieser Sprache zu finden. Das vorgefundene Material, die zu lesenden Sätze oder abstrakte Gesten sind Anlass aber nicht Endpunkt dieser Suche. Das Erlernen und Aneignen der individuellen Bildsprache, um das eigene Denken zu öffnen. Ausgehend von unserer eigenen Sprache begeben wir uns in die Welt der Möglichkeiten anderer Menschen. Immer basierend auf einer Mischung aus linguistischer Analyse und Freud’scher Neugier.

[1] Franco “Bifo” Berardi: Futurability: The Age of Impotence and the Horizon of Possibility, Verso, 2017, S. 14.
[2] http://journal.frontiersin.org/article/10.3389/fpsyg.2014.00401/full