Melanie Ender | to open closed forms

Melanie Ender | to open closed forms

Biegen, dehnen, falten, legen, lehnen, ausfüllen, umhüllen. Es sind vor allem Handlungen, die sich beim Nachdenken über Melanie Enders skulpturaler Arbeit in den Vordergrund schieben. Die Künstlerin arbeitet vorzugsweise mit Gips, Messing und Textil. Stoffe werden zu geometrisch variablen Grundformen gefaltet, Messingstäbe von Hand zu kurvenartigen Gebilden gebogen, Gips schmiegt sich in Messingrohre, Gipsplatten werden zu Bodenplatten, zu Sockeln für chiffrenartige Konstruktionen aus Messingstäben, über die gefaltete Stoffe züngeln.

Die Kombination derart unterschiedlicher Materialien erzeugt spannungsreiche Polaritäten zwischen Kompaktheit und Fragilität, Ganzheit und Fragment, Leere und Dichte. Damit sind zwar klassische Parameter skulpturalen Schaffens benannt, Melanie Ender versteht es allerdings, ihre Arbeit einem statischen Kunstbegriff zu entziehen, indem sie das Prozesshafte und Unabgeschlossene betont. Bei der Betrachtung der Arbeiten und ihrer Anordnung im Raum entsteht deshalb nicht ohne Grund der Eindruck von Flexibilität und Veränderbarkeit. Man ist geneigt, die Arrangements der Künstlerin als Versuchsanordnungen zu lesen, deren einzelne Versatzstücke, wenngleich wohl überdacht, lose miteinander verbunden sind und als jederzeit verrückbar erscheinen. Als „Situationen“ und „skulpturale Momentaufnahmen“ bezeichnet die Künstlerin konsequenterweise ihre Settings. Mehrteilige Anordnungen, in denen elementare geometrische Formen in unterschiedlichen Variationen durchrhythmisiert werden, sind charakteristisch für einzelne Werkgruppen. Das Erbe der Minimal Art klingt hier ein wenig an, doch Enders künstlerischer Ansatz ist weit entfernt von der kalkulierenden, sachlich-rationalen, objektiven Gesetzmäßigkeiten gehorchenden Stilrichtung, welche die subjektive Handschrift zu vermeiden suchte.

Der Prozess ist wichtiger Bestandteil der Kunst Melanie Enders und lenkt den Blick auf die Handlungen, welche die Künstlerin bei der Ausführung der Objekte vollzieht. Abzulesen ist dies etwa an Werktiteln wie „bending lines“, „stretching points“, „to open closed forms“. Bezogen auf das traditionelle Repertoire der Bildhauerei wird hier Aktion gegenüber Statuarik und Pose in Stellung gebracht. Auch das hat seine Vorläufer in der jüngeren und jüngsten Kunstgeschichte. Unter dem Begriff der Skulptur als Handlungsform wurde das Medium aus seiner Starre befreit. Das Miteinbeziehen des Publikums, dessen Agieren das Kunstwerk vervollständigt, gehörte dabei zum ästhetischen Programm.

Zu Melanie Enders Ausführungen lassen diese Strategien keinen Brückenschlag zu. Das Performative, das sich in ihren Arbeiten manifestiert, entspringt einem Gestaltungswillen, der sich unmittelbar an den inhärenten Eigenschaften des verwendeten Materials entzündet.

Das Taktile und Körperbezogene, das sich mit Skulptur als Handlungsform verbindet, nimmt jedoch auch in Enders Schaffen einen wichtigen Stellenwert ein. Beispielhaft hierfür sind ihre konzeptuell-poetischen Textarbeiten, in denen die Künstlerin durch wortakrobatische Wendungen enorme Plastizität erzeugt. „actions to enter to open closed forms“ titelt jenes 2017 entstandene Schriftstück, das sich auch als konzeptuelle Grundierung für diese Ausstellung eignen mag. Es enthält so amüsante wie absurde Handlungsanweisungen wie „lick a rectangel’s angels“ und „use a sharp tongue“.

Sprache ist für Ender formbares Material, Sprache kann Dinge nicht nur beschreiben, sondern überhaupt erst entstehen lassen. Durch sprachliche Verlebendigung skulpturalen Handelns unterläuft die Künstlerin die vermeintliche Diskrepanz zwischen zeichenhafter Sprache und materieller Objekthaftigkeit. Damit eröffnet sie nicht zuletzt auch die Möglichkeit, sich aus der gewohnt distanzierten Betrachter_innenposition in das Innere der Arbeiten zu versetzen. (Manisha Jothady)