Lukas Janitsch | synanthrop

Lukas Janitsch | synanthrop

„Synanthropie“ bezeichnet in der Biologie die Anpassung wild lebender Tier- oder Pflanzenarten an den menschlichen Siedlungsbereich. In seiner Ausstellung interpretiert Lukas Janitsch diesen Begriff der Biologie in zwei Richtungen: Einerseits finden verachtete und übersehene Organismen aus dem urbanen Raum wie Moos, Algen und Schimmel Eingang in den Galerieraum, werden zu Form, Farbe und Bild. Andererseits wird die von Konsumierbarkeit und Nostalgie geformte, (massen)kulturelle Inszenierung von Natur als Form der Anpassung, des Passend-Machens verstanden und in Malerei, Fotografie und Guckkästen erfahrbar gemacht.

Die Guckkästen verweisen nicht nur auf eine Tradition der Naturbewunderung, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht; ihre glatt polierte, fast unstoffliche Oberfläche erinnert an die Apparate der Immersion, Fernseher bis Computer, die uns umgeben. Durch das Guckloch sieht man auf Landschaftsfotografien, die der Welt eben dieser Apparate entstammen. Sie sind einschlägigen Naturfotografie-Blogs entnommen, die ihre Ästhetik an Bildschirmhintergründen und Instagram-Filtern orientieren. Das Bild wölbt sich gleichsam um die Netzhaut der BetrachterIn um den Blick zu absorbieren. Auch die hinter der Fotografie abgespielten Naturgeräusche sind dem Internet entnommen, wo sie als Entspannungsmusik angeboten werden. Zusammen mit dem intensiven Duft wäre man dazu verleitet, sich mit drei von fünf Sinnen in die Illusion fallen zu lassen – doch die Blumenwiese ist zu grell, die Vögelgesänge zu exotisch, der Geruch unangenehm künstlich. Die Eindrücke fügen sich nicht zu einem organischen Ganzen, sondern bleiben paradox und disparat.

Nektar schlürfen zeigt sechs Vögel und eine Blume, die mit größter Sorgfalt vor abstrakt-weißem Hintergrund gemalt sind. Jede Feder, jede Schattierung auf den Blütenblättern ist in einer Detailtreue ausgeführt, die die Handschrift des Malers hinter der Anonymität des Naturalismus zurücktreten lässt. Doch auch hier lassen kleine Fehler und Widersprüchlichkeiten das Bild auseinanderfallen, denn die Akribie endet im Formalen: Kein Eisvogel trinkt Nektar, die ganze Szene ist sinnlos, eine Collage zusammengewürfelter Versatzstücke aus spektakulären Vogelfotografien.

Im oberen Stockwerk behauptet die Natur ihre zwar prekäre aber beharrliche Existenz im Urbanen. Die Skulptur Stein stammt aus St. Margarethen im Burgenland, dessen Kalksandstein von den Prachtbauten der Ringstraße bis zum ehemaligen Südbahnhof das Wiener Stadtbild prägt(e). An fünf Seiten ist der Block durch präzise Schnitte begrenzt, die Oberseite aber ist naturbelassen und unregelmäßig. Hier tritt die Vergänglichkeit von Moos in einen Dialog mit der porösen, organisch wirkenden Materialität des Steins, die dessen viele Millionen Jahre hohes Alter spürbar macht.

Schimmel ist ein auf Sandwich und Brotteig gezüchtetes Bild. Auch wenn Janitsch hier wieder gestalterische Mittel aus der Hand gibt – die flaumige Materialität des Schimmelpilzes bietet dem Auge ebenso viel Opulenz wie ein expressiver Farbauftrag.

Selbst wenn im oberen Bereich der Ausstellung wirklich „reale Natur“ auftritt, funktioniert dieser nicht einfach als Gegenpol zum Illusionismus im Erdgeschoß. Auch hier wird durch Portionierung, ordnende Systematisierung und den Kontrast des sauberen, weißen Galerieraums eine spezifische Ästhetik aufgerufen. Hier soll kein allgemeiner Gültigkeitsanspruch erhoben werden, die Übersetzung in die Formensprache der zeitgenössischen Kunst bleibt offensichtlich und hält die Inszeniertheit auch dieser Präsentation von Natur im Bewusstsein.

Synanthrop nähert sich dem Thema Natur und Mensch nicht über klischeehafte Vorstellungen von Unberührtheit oder sogenannter ökologischer Nachhaltigkeit, die von Werbe- und Tourismusindustrie beschworen werden. Vielmehr geht es Lukas Janitsch darum, die Instanzen und Kanäle der Vermittlung in den Blick zu nehmen und zu zeigen, wie das Verhältnis von Natur und Kultur weniger durch klare Gegensätze, als durch eine dialektische Verflochtenheit gekennzeichnet ist.

Johan Nane Simonsen