Josef Bauer | Zwischenräume

„Zwischenräume“ nennt Josef Bauer seine aktuelle Ausstellung in der Galerie unttld contemporary. Der Zwischenraum kann wörtlich in einem räumlichen und in einem zeitlichen Sinn verstanden werden. Beide Bedeutungsebenen sind von zentraler Bedeutung für sein Werk. In seinem räumlichen Verständnis bezeichnet er einen leeren Raum zwischen zwei Körpern oder zwischen zwei Teilen eines Körpers. In seiner zeitlichen Bedeutung, handelt es sich um einen Abstand zwischen zwei Vorgängen, um das Intervall zwischen zwei Augenblicken.

Der Zwischenraum als Leerstelle, aber auch als ein transitorisches Dazwischensein, als Demarkation für Unterscheidungen, durch die Zusammenhänge erst manifest werden leitet in eine Ausstellung ein, die von Raumkonzeptionen, Wirklichkeitskonstruktionen und Objektkontexten kündet. Bauer hat immer wieder darauf hingewiesen, dass er sich in seinen Arbeiten mit den Beziehungen zwischen Gegenständen, Bildern und Sprache auseinandersetzt und ihre Wechselwirkung mit dem Raum untersucht. Es sind jene Zwischenräume in den Objekten und zwischen den Objekten, die spezifischen Anordnungen und Konstellationen, die den Bedeutungsgehalt der Arbeiten wesentlich bestimmen.

Ausgangspunkt der Werke in der Ausstellung sind Billboards und Plakatträger, über die schichtweise immer neue Bilder und Texte tapeziert wurden. Die Objekte von Bauer entstehen durch die Überführung der Plakatabrisse von der zweidimensionalen Fläche in die Dreidimensionalität des Raumes. Dafür überzieht er die abgerissene Pappe mit Polyester und verfestigt einen temporären Zustand, den er halb gefunden, halb kreiert hat und übermalt ihn. Es ist die Transfomation des Temporären, des Zufälligen, des scheinbar Beiläufigen in eine Semantik des Ewigen. Die Werke durchlaufen bei ihrer Entstehung drei entscheidende Phasen: die Genese der Form in einem leicht veränderlichen Material, die Abstraktion des gefundenen Materials durch die großflächige Übermalung und die Transformation dieses flexiblen Zwischenergebnisses in ein dauerhaftes und stabiles Medium. Papier wird zur Skulptur, Farbe zum Objekt, ein Bild- und Textträger zum autonomen Kunstwerk.

Bauers Bilder und Objekte erwidern unsere Blicke schweigend über einen „Abgrund, der sich nicht durch die Sprache überbrücken lässt“ (John Berger). Sie sind symbolische Produkte, seine Art, einen Zugang zu den Dingen zu bekommen, was auch immer diese sein mögen. Bauer reflektiert die Ordnung der Dinge, die durch Sprache festgeschrieben wird, und wie diese semantische Struktur aufgebrochen, verändert und erweitert werden kann. „Jenseits der Sprache existieren gewaltige Räume von Sinn, ungeahnte Räume der Visualität, des Klanges, der Geste, der Mimik und der Bewegung. Sie benötigen keine Nachbesserung oder nachträgliche Rechtfertigung durch das Wort.“[1] „Die Sprache distanziert uns erstmals von den Dingen“ hat Bauer in einem frühen Text zu seinen Arbeiten geschrieben. Das Werk von Bauer ist geprägt von dem Streben, diesen Raum jenseits der Sprache zu erkunden und zu vermessen.

Es sei am Rande vermerkt, dass Raum spätestens seit Albert Einsteins Relativitätstheorie nicht mehr als kartesianische Kiste begriffen wird, sondern als raumzeitliches Kontinuum. Raum wird nicht mehr wie zu Zeiten Euklids als absolut gesehen, sondern als abhängig vom jeweiligen Betrachter. Durch die Kaluza-Klein-Theorien und die String-Theorien wurden der Raumzeit noch weitere Dimensionen hinzugefügt, die hier nebensächlich sind. Entscheidend ist nur hervorzuheben, dass Raum seither als gekrümmt, gefaltet und periodisch „aufgerollt“ aufgefasst wird und, dass sich diese unterschiedlichen Raumkonzepte in den Arbeiten von Josef Bauer geradezu exemplarisch wiederfinden.

Bauer faltet die Plakatabrisse in den Raum bevor er sie dauerhaft härtet. Das Bild der Falte ist sehr gut geeignet, die Struktur und Vielgestaltigkeit der Arbeiten zum Ausdruck zu bringen. [2] Die Falte (frz. pli) ist gemeinhin nicht nur ein technisches Hilfsmittel des Zeigens und Verbergens, sondern stellt auch eine zentrale Idee in den Arbeiten von Bauer dar. Es geht um die Funktion und die Bedeutung des damit verbundenen künstlerischen Ausdrucks, und somit um das Implizieren, im Verständnis von einfalten, einschlagen oder einschließen, um das Explizieren, im Sinne von entfalten, ausdehnen, zeigen und dechiffrieren, und das Komplizieren, wenn man einer Zwischenlösung einen neuen Parameter oder eine neue Perspektive hinzufügt, sodass das Explizierte wieder kompliziert wird, neu eingefaltet wird.

Durch die spezifische Materialität und Prozessualität, die den Arbeiten von Arbeiten eingeschrieben sind, sind jedem einzelnen Werk unzählige Implikationen eingefaltet. Diese einzeln auszubreiten und zu explizieren ist kaum möglich, denn was bei diesen Vielfältigkeiten zum Tragen kommt, sind nicht nur die einzelnen Bestandteile oder Bedingungen, sondern auch die Beziehungen zwischen ihnen bzw. ihre Disparitäten. Ein „vielfältiges“ Werk ist so beschaffen, dass man es nie gänzlich entfalten oder endgültig explizieren kann, weil das Entfalten oder Explizieren wiederum ein Falten oder Komplizieren bedeuten würde. Die Kunstwerke von Bauer sind in diesem Sinne nicht explizierbar, werden also niemals restlos zu erklären bzw. zu verbalisieren sein. Das macht sowohl ihren Reiz wie ihre Qualität aus.

Roman Grabner, 2016


[1] Gottfried Boehm, Jenseits der Sprache? Anmerkungen zur Logik der Bilder. In: Christa Maar/Herbert Burda (Hg.), Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder. Köln 2004, S. 28-43, 43.
[2] Vgl. hierzu: Gilles Deleuze, Die Falte. Leibniz und der Barock. Frankfurt/Main 2000.