Fabian Seiz | in club materia conspirative

Fabian Seiz und das „unnötige“ Wissen

Mit der Idee des „Mundaneum“ versuchte der Belgier Paul Otlet Ende des 19. Jahrhunderts einen zentralen Ort der Wissensansammlung, -vermittlung und -produktion zu schaffen, der internationale Standards für die Dokumentation von Wissen erfüllen sollte. Idealerweise sollten dabei die Grundgedanken des Archivs und der Bibliothek gebündelt und vernetzt werden. 15.646.346 Karteikarten waren es zum Zeitpunkt der Schließung des Institutes 1934, die dieses universelle Wissen umfasst. Somit war diese Idee nicht nur ein Kulminationspunkt des Wissensdranges, der schon seit der Renaissance herrschte und im modernen Industriezeitalter scheinbar in Erfüllung ging, sondern auch ein prognostischer Ausblick auf das digitale Zeitalter, in dem wir jetzt leben. Otlet antizipierte offenbar das Internet. Die Dimension der Vernetzung in Bezug auf das allgemein zugänglich gemachte Wissen, sollte gleichsam ein „Papier-Google“ ergeben.
Fabian Seiz, der sich in seiner Kunst schon lange mit Wissensspeicherung und somit mit der Materialisation von Immateriellem auseinandersetzt, geht dabei auch einen analogen Weg. Hinfällig, vorläufig und fragil muten seine postminimalistischen Arrangements an, die oft an die „Arte Povera“ erinnern. Man kann sie nicht installativ nennen, eher sind sie modellartige Situationen, die Malerei und Skulptur formal zu verbinden suchen. Eine kategorische Festlegung würde hier aber nicht weiterführen. Die Relation zwischen Form und Inhalt – eine der Grundsatzfragen der Kunst seit jeher – ist zentral bei der Arbeitsweise von Fabian Seiz. Seine Objektcollagen bzw. apparateartigen Gebilde folgen keiner allgemeinen Logik, sind aber höchst vielschichtige Speicheranlagen. Wenn der Künstler bspw. über Jahre hinaus versucht, die Vornamen all jener Menschen zu notieren, an die er sich zeitlebens erinnern kann, so kann man den Sinn dieses Unternehmens für die Allgemeinheit bestreiten. Die Sinnhaftigkeit von wie immer angehäuftem Wissen und dessen Darstellung ist aber eine zentrale Frage der Kultur im Allgemeinen. Georges Bataille befragt 1933 in seiner Schrift „Der Begriff der Verschwendung“ die moderne Profitgesellschaft nach dem, was als „unnütz“ verurteilt und unterdrückt wird. Er untersuchte die Rolle von Produktion und Konsum in archaischen Gesellschaften, wobei sich herausstellte, dass all das, was Marx als „Überbau“ bezeichnet und Bataille „unproduktive Verausgabung“ nennt – etwa Kunst, Spiele, Kulte –, eine durchaus ökonomische Funktion hatte. Nämlich: die natürliche Überproduktion in ritualisierten Formen der Verschwendung abzubauen.
Ist Kunst nicht generell und meist eine ritualisierte Form der Verschwendung? Zumindest ein Speicher von „unnützem“ Wissen im Sinne der modernen Profitgesellschaft scheint sie zu sein. Von Duchamps „Readymades“ bis zur Honigpumpe von Beuys haben wir es mit philosophischen Modellen zu tun, die dem Gedanken einen Körper zu geben versuchen. Seiz geht konkreter an die Sache heran. Wenn er in einem aktuellen Werk eigene alte Skizzenbücher erneut durchsucht und neu organisiert, ergibt sich in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem Immateriellen. Erst in einem „alchemistischen“ Transformationsprozess werden die materiellen Reste (Seiten aus den Skizzenbüchern) formal erfasst. Umgewandelt in Papiermache, das in die Form von Goldbarren gebracht wurde, verdichtet sich die Metapher der Alchemie. Wie schon bei Otlets „Prä-Internet“ ist ein erneut vormoderner Gedanke ausschlaggebend für Seiz‘ Überlegungen.
Wenn man die Arbeiten von Fabian Seiz im Kontext des Skulpturalen diskutiert, folgen sie den Entwicklungen, die wir gegenwärtig in diesem Medium zu beobachten haben. Diese führen nicht mehr entlang einer vom Fortschrittsglauben geleiteten linearen Bewegung der Avantgarden, sondern sind rhizomartig angelegt. Rückgriffe und Verbindungen unterschiedlichster Art sind dabei selbstverständlich. Die Grenzen werden immer weiter gesteckt. Der Raum des subjektiven Alltäglichen wird zusätzlich mit dem Raum der Skulptur verbunden. Der Begriff „Skulptur“ gerät hier und heute stark unter Druck und reicht meist nur mehr für eine formale Festlegung. In Wahrheit sind Begriffe wie „Kontext“, „Konzept“ oder „Soziale Praxis“ zur Beschreibung aktueller Kunstproduktion vielleicht treffender und erfassen die gegenwärtige Situation differenzierter.
Die spröden Denkgebilde von Fabian Seiz weisen auch darauf hin, dass die Dinge im Allgemeinen einem Pradigmenwechsel anheimfallen. Ihre Funktion als Träger von Information wird immer bedeutender und erlangt im Internet der Dinge einen vorläufigen Höhepunkt. Wenn die Suppendose sich am Mobiltelefon meldet und mitteilt, dass ihr Inhalt bald abläuft, wird das Ding in einen neuartigen Prozess eingebunden. Die Dynamik zwischen Objekt und Mensch wird komplexer.
Auf sonderbare Art verbindet Seiz in seinen Arbeiten scheinbar voneinander weit entfernte Gedanken zu einem „subjektiven Museum“ bzw. zu einem Monument des Immateriellen. Alchemie und das Internet der Dinge, Readymades und Fetische verdichten sich dabei zu Modellen der eigenen Weltsicht. Die Naturwissenschaft bediente sich im vordigitalen Zeitalter aufwendiger Modelle und Versuchsanordnungen. Innerhalb der Geisteswissenschaft scheint diesen Part das Kunstwerk zu übernehmen. Die vielschichtigen, teilweise enigmatisch anmutenden Konstrukte von Fabian Seiz sind ein Beispiel dafür.

Günther Holler-Schuster