Alfredo Barsuglia | Brihdy

Eine Mise-en-scène in drei Akten

Alfredo Barsuglias künstlerische Praxis ist nicht auf eine „Gattung“ reduziert, sie ist gekennzeichnet von der bewussten Vermischung der Medien: Man könnte sie durchaus als hybrid bezeichnen. Der Erfindungsreichtum des Künstlers kennt keine Grenzen, und seine Rolle scheint eher der eines Theaterregisseurs zu entsprechen. Für die Ausstellung Brihdy hat Barsuglia eine räumlichen Inszenierungen geschaffen, die sich am ehesten mit dem im Film oder Theater verwendeten Begriff Mis-en-scène beschreiben lässt – eine präzisen Bildkomposition, die die Anordnung der Protagonist_innen und Dinge im Raum, die Farb- und Lichtgestaltung, Ausstattung, Kostüme ebenso einschließt wie die Schauspielerführung, den Gesang und die Dramaturgie. Die gesamte Galerie fungiert als Bühne für eine idiosynkratische Wirklichkeitsillusion, in der jedes Detail symbolische Bedeutung hat, die nur darauf wartet, entziffert und dechiffriert zu werden.

Barsuglias „Bühnen-Bild“ erstreckt sich über zwei Ebenen, die durch eine Art performativen Kreislauf miteinander verbunden und während der Ausstellungseröffnung von vier Protagonist_innen – dem Künstler, zwei Schüler_innen einer Gesangsschule (Deniz Haimayer, Simon Stabauer) und einem Opernsänger (Stefan Zenkl) – „bespielt“ werden. Die Zweiteiligkeit ist letztlich, wie bei den meisten Installationen des Künstlers, der Ortspezifik des Galerieraums geschuldet.

Der kojenartige, autarke Arbeitsbereich im Erdgeschoss der Galerie erinnert an ein Studiolo und enthält auf engstem Raum alles, was der Künstler zum Arbeiten braucht. Während der Ausstellungseröffnung sitzt Barsuglia in diesem Zufluchtsraum und „produziert“ Scherenschnitte ohne mit den Besucher_innen in Kontakt zu treten. Dies tut er lediglich über seine Kunst, indem er die fertig gestellten Zeichnungen in ballonartigen, mit Helium gefüllten Behältnissen in das Obergeschoss des Ausstellungsraumes schweben lässt, wo die Kinder sie in Empfang nehmen.

Auf der zweiten Ebene hat Barsuglia eine Art Parcours aus Objekten installiert, die er in der Natur gefunden und manipuliert hat. Sie sind Kunstobjekte und Spielzeug zugleich, bestechen durch ihre kunstvolle, handwerkliche Bearbeitung. Zwei lange Stöcke, mit denen die Kinder die Zeichnungen „fischen“, wurden an ihrer Oberfläche veredelt und die geweißten Spitzen glattpoliert wie Keramiken. Ein großer Ast, zur Harfe umfunktioniert, und mit Rinderblut gefärbte Holzstäbe dienen den Kindern ebenso als Spielzeug. Daneben eine hybride Skulptur aus Beton und Ziegelmasse, von der Natur selbst geformt, von der Strömung der Donau. In ihren Rissen hat der Künstler Petersilie gepflanzt. Überhaupt finden sich in der gesamten Inszenierung immer wieder Pflanzenzöglinge in Glasbehältnissen, die wie alle anderen „Requisiten“ in der Natur gefundenen, manipuliert und „domestiziert“ wurden. Nichts ist in seinem ursprünglichen Zustand belassen, alles durch die Hand des Künstlers bearbeitet.

Auch das scheinbar beiläufige Spiel der Kinder erfüllt durchaus den Zweck der künstlerischen Produktion: Von einer Schaukel in Form eines Jutesacks aus, malen sie an einem Bild weiter, das der Künstler begonnen hat. Auch hier spielt die Natur eine Rolle, denn die rötliche Farbigkeit rührt von den verwendeten Beeren, Blättern und Gräsern. Ein augenzwinkernder, spielerischer Verweis auf die Kunstgeschichte, die gestische Malerei des Action Paintings. Wann immer eine der von Alfredo Barsuglia gefertigten Scherenschnitte bei den Kindern ankommt, unterbrechen sie ihre spielerische Tätigkeit und stimmen ein neues Lied an, dessen Text eher an ein „Anti-Arbeiterliedes“ erinnert.

Den dritten Part in dieser Aufführung verkörpert ein klassisch ausgebildeter Sänger, dem die Kinder die Zeichnungen übergeben. Wie beiläufig fungiert er auch als lebender Sockel für eine Videoarbeit Barsuglias, die auf dem Tablet in seinen Händen zu sehen ist: ein „Tanzstück für Finger und Holz“. Sobald er die Zeichnungen in Empfang nimmt, stimmt auch er ein Lied an und bewegt sich mithilfe einer Hängevorrichtung, deren Gegengewicht aus einem Sack voll Erde besteht, auf die untere Ebene der Galerie. Er tritt als das kommunikative Alter Ego des Künstlers auf und preist mit seinem Lied die Kunst an: Brihdy! – Oh wie schön! – Ein Werk ist da! – Ich freue mich, – Es gibt mir Sinn! – Schluss mit Ruhe; – Dem sinnlosen Getue. Er schließt den „Kunstkreislauf“ indem er die Scherenschnitte endlich ihrer Bestimmung übergibt: den Besucher_innen der Ausstellung. Schließlich beginnt das Schauspiel von neuem und der Sänger kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück.

Diese vielteilige Mis-en-scéne trägt insofern zur Erweiterung des Kunstbegriffs bei, als der Künstler keine Unterscheidung zwischen alltäglichen, gefundenen, handwerklich bearbeiteten und Kunstobjekten macht; jeder Teil ist gleich relevant, wie ein Requisit für die Ausstattung eines Films oder Theaterstücks. Gleichzeitig konterkariert die aufwändige Inszenierung die Funktion der Galerie als Ort kommerzieller Interessen und reorganisiert die Logik ihrer Verwertungsmechanismen. Der Galerie durchläuft, zumindest für einen Abend, eine Transformation zu einem Ort der Produktion, dessen „Produkt“, die Scherenschnitte, verschenkt werden. Selbst die Malereien und Zeichnungen des Künstlers werden als Requisiten dieser Szenerie wie beiläufig zur Aufführung gebracht und während der Dauer der Performance laufend ausgetauscht. Der Titel der Ausstellung – ein Anagram von Hybrid – reflektiert diese Mechanismen der Befragung und Umkehrung.

Georgia Holz